Caminho Português | Jakobsweg in Portugal

Warum habe ich mich für eine Auszeit auf dem Jakobsweg entschieden?

Die mit Abstand meist gestellte Frage von Freunden, Bekannten aber auch von Pilger-Bekanntschaften während der Reise. Anfangs konnte ich meine Gedanken dazu gar nicht richtig sammeln geschweige denn formulieren ohne vor allem direkt privat zu werden. Je öfter mir diese Frage gestellt wurde, umso mehr fühlte ich mich unter Druck gesetzt, endlich meine Gedanken in einem Satz ausdrücken zu können.

Ich möchte einfach mal nur Mensch sein dürfen!

Wir leben in einer Welt, in der man von tausenden Dingen abgelenkt wird. Eine Welt, in der man schon sehr jung sehr hohen Erwartungen entsprechen muss. Der Fokus auf sich als Mensch, auf das Wesentliche im Leben und die eigene persönliche Entwicklung, können dabei schnell verloren gehen. Zudem war mir auch wichtig, dass ich für mich etwas komplett neues erlebe, was ich nur mit mir und niemand anderes in Verbindung bringe. Ich wollte mich einer körperlichen und psychischen Herausforderung stellen, um mich selbst richtig kennen zu lernen.

Je mehr ich mich mit dem Jakobsweg auseinander setzte, wusste ich, dass er mir die Möglichkeit bieten wird, mich von nichts ablenken lassen zu können. Er mich dazu zwingen wird, mich auf den Etappen komplett mit mir und meinen Gedanken auseinander zu setzen und wird mich Herausforderungen stellen, die mir Mut und Kraft für mein bevorstehendes Leben geben werden. Ich wusste, ich kann für die Zeit auf dem Jakobsweg einfach nur Mensch sein.

Wieso habe ich den Caminho Português gewählt?

Ich wollte mich einer Herausforderung stellen, die für mir realistisch erschien und auch zeitlich für mich machbar ist.
Wie viele von euch wissen, hatte ich in diesem Jahr eine Operation am Knie, sodass für mich Höhenwanderungen etc. wie auf dem Camino de France nicht umsetzbar erschienen. Darüber hinaus, hat mich während den vielen Recherchen sehr begeistert, dass der Camino Português so abwechsungsreich und vielseitig ist. Er beginnt an der Küste und führt dann ins Festland durch viele verschiedene Landschaften und Dörfer. Das hat mich im Endeffekt für den Jakobsweg durch Portugal bewogen.

War ich gut vorbereitet und wie sehr habe ich mich auf den Jakobsweg eingelassen?

Diese Antwort muss ich in zwei Teile splitten:
Vor der Reise habe ich mich durch intensive Recherche so gut wie möglich auf den Jakobsweg vorbereitet. Ich habe mich mit dem richtigen Equipment ausgestattet und mich an die Angaben zur Packliste gehalten (obwohl mir zwei Unterhosen für 13 Tage wahnsinnig Angst machten). Pilger-Bekanntschaften belächelten mich zwar teilweise dafür aber ich hatte in meinem iPhone eine Excel Tabelle vorbereitet, mit einer genauen Auflistung aller Etappen für welchen Tag und mit welcher bereits reservierten Unterkunft am Abend. In der Hinsicht fühlte ich mich also bestens vorbereitet.

Auf der anderen Seite, habe ich schnell festgestellt, dass einen groben Plan haben zwar gut ist aber auch wiederum meinem eigentlichen Grund für diese Reise widerspricht. Ich erinnere mich wie ich an Tag 3 in meiner Instastory damit prahlte, die Erste in Barcelos zu sein. Ich hatte 17,5 km in 3,5 Stunden hinter mich gelegt. Klasse Leistung dachte ich damals. Aber rückblickend, nehme ich aus dieser Etappe die wenigsten Erinnerungen mit. Ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt noch zu sehr darauf fokussiert einfach jeden Tag so schnell wie möglich heil anzukommen, bevor mein Körper schlapp macht. Im Ziel in Santiago anzukommen, war für mich das aller Wichtigste.
Mit jedem Tag und jedem Kilometer mehr, bemerkte ich meine Veränderung. Es war nicht mehr wichtig, ob ich bereits um 13h oder erst um 18h das Tagesziel erreiche. Ankommen ist Ankommen! Der Jakobsweg ist kein Wettbewerb! Ab Tag 5 spürte ich zum ersten Mal, dass ich mich wirklich angekommen fühlte. Ich konnte die Natur, die Momente auf dem Weg und alle Erlebnisse viel intensiver und aufmerksamer wahrnehmen, als zuvor. Vorher rannte ich quasi die Etappe ab und nun blieb ich da stehen, wo es mir gefiel. Machte eine Pause mitten im Wald an einem Baum gelehnt, badete meine Füße in einem kleinen Bach oder kehrte in einem Café ein, um die Atmosphäre aufzusaugen und nicht nur um dort einen Stempel zu sammeln.

Der Weg ist das Ziel!

So ein abgedroschener Spruch aber zum ersten Mal habe ich die Bedeutung so richtig verstanden. Ich glaube es war an Tag 6, bin mir aber nicht mehr sicher: Sabine, Phibi und ich saßen in einem Café als ich mit der Neuigkeit schlecht hin kam: „Mädels, ich habe gerade alle meine Unterkünfte für die nächsten Nächte storniert!“ Etwas, was mir niemals zuvor in den Sinn gekommen wäre – nicht zu wissen wo ich am nächsten Abend schlafen würde. Das erste Mal fühlte ich mich so richtig frei: Jetzt bin ich angekommen! Ich höre auf zu planen!
Die Mädels und ich waren stolz! Am letzten Tag habe ich sogar noch am selben Tag erst ein Hotel für die bevorstehende Nacht gebucht. Ich wurde immer krasser hahahaha

Was ich damit sagen möchte: Man sollte sich schon bis zu einem gewissen Grad mit dem Jakobsweg zuvor beschäftigen. Möchte man aber das komplett Paket des Caminos genießen, sollte man sich auch gewisse Überraschungen bewahren und es einfach auf sich zu kommen lassen. In der Hoch-Saison empfiehlt es sich vielleicht am Morgen selber eine Unterkunft zu reservieren damit man sich auf dem Weg Zeit lassen kann aber von mehr Planung rate ich (und das heißt was) wirklich ab!


Was war meine größte Herausforderung auf meinem Weg?

Rückblickend wirkt jeder Kilometer und jede Herausforderung der ich mich gestellt habe machbar.
Es hört sich seltsam an, aber ich habe das Gefühl vor nichts mehr Angst haben zu müssen…
Alle Ängste die ich mit auf diese Reise nahm, verschwanden oder wurden sogar in etwas Gutes verwandelt.

Nichts desto trotz, würde ich sagen ist es am schwierigsten gewesen auch an schlechten Tagen, an denen die Psyche nicht so mit macht und der Weg einiges abverlangt, die Kraft und die Motivation sich beizubehalten. An Tag 4, an dem für mich nicht mehr hätte schief laufen können, hatte ich mich direkt mehreren meiner Ängste gestellt. Ich hab geflucht, geheult und wusste nicht mehr weiter. Aber man muss sich einen kühlen Kopf bewahren und an sich glauben. Eine große Herausforderung wenn es gerade aussichtslos erscheint aber man schafft es und man wird stärker für den Rest des Wegen auf dem Camino und in seinem Leben.

Was war das schönste Erlebnis auf meiner Reise?

Ich hatte ganz ganz viele wunderschöne Erlebnisse. Daher würde ich diese Reise wirklich als die schönste und wertvollste Zeit meines Lebens beschreiben. Mit am tollsten war für mich die eigene persönliche Entwicklung zu beobachten. Das Ängste verschwinden, man immer mehr und mehr über sich hinaus wächst und den Weg für sich annimmt. Ich bin aber auch für die vielen tollen Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen dankbar. Man lernt sich auf einer ganz anderen Ebene als im normalen Leben kennen und puzzelt sich basierend auf kleinen Wahrnehmungen an dem anderen einen Menschen zusammen. Die ganze Wahrnehmung verändert sich, sodass manche Momente zu den schönsten Erlebnissen auf einmal gehören, die man unter normalen Umständen nie wahrgenommen hätte. Es wurden einem durch verschiedene Begegnungen Türen zu Gedanken geöffnet, die man sich so nie hätte vorstellen können.

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